Freitag, 24. Mai 2019

Seltsam harmonisch

Ein freundliches Miteinander zwischen Menschen verschiedener Religionen und Ethnien ist etwas, das den Jerusalemer Alltag nicht oft prägt. Gemeinsam genutzte Räume sind rar, ein Satz, der noch einmal wahrer ist als ohnehin schon, schaut man in den religiösen Teil der Bevölkerung. Als positive Ausnahme dieser Regel erweist sich der Vorraum des Operationssaals im religiös-jüdischen Krankenhaus "Shaare Zedek" – "Tore der Gerechtigkeit".
Chefzi heißt meine Heldin an diesem Morgen. Nicht nur setzt sie meiner sich minütlich ins Panikartige steigernden Unruhe unermüdlich ihre gute Laune entgegen. Der Humor der Krankenschwester und ihr zielsicherer Umgang mit den unterschiedlichen Charakteren um sie herum verzaubern den Raum. Da sind die russischstämmige Anästhesistin, der äthiopischstämmige Pfleger, die arabischen Assistenzärzte. Die sich zwischen originell und skurril bewegenden Kopfbedeckungen tüpfeln Individualität in die einfarbige Welt der OP-Bekleidung. Zusammen geben sie ein seltsam harmonisches Bild: Anders. Und doch gleich.


Das letzte, das mein Bewusstsein in der einsetzenden Betäubung noch aufschnappt, sind der Ramadanscherz der jüdischen Chirurgin und das herzliche Lachen des muslimischen Kollegen. Ein Krankenhaus ist der Ort, an dem ich gar nicht erst sein müssen will. Einmal drinnen, erwies es sich im Fall von Shaare Zedek in Jerusalem aber als herzerwärmende Erfahrung.

Montag, 20. Mai 2019

Jahreskreis

Gelb leuchtet der Weizen auf dem Streifen Land zwischen Autobahn und Schnellstraße. Darinnen: Drei weiße Flecken, die wie das Getreide im lauen Lüftchen zittern. Auf den ersten Blick könnte man sie für Vogelscheuchen halten. Beim näheren Hinsehen haben die vermeintlichen Vogelscheuchen Bärte und die lange Schläfenlocken strengreligiöser Juden. In der Mittagssonne, mitten in der ersten Hitzewelle des Jahres, eingehüllt in den Tallit, den jüdischen Gebetsschal mit den charakteristischen Fransen an seinen vier Ecken, bewegen sie sich langsam durch die Furchen.
Auf den 50. Tag nach Pessach, in diesem Jahr den 9. Juni, fällt das jüdische Wochenfest "Schawuot", Zeit der Weizenernte. Der Weizen in diesem Feld, dessen Ähren dem kritischen Blick der Männer standhalten muss, soll im nächsten Jahr zum Backen der am strengsten kontrollierten, ungesäuerten Pessachbrote – der sogenannten Schmura-Matzen – dienen. Dafür muss das Korn an der Ähre reifen. Erst, wenn es einen niedrigen Feuchtigkeitsgrad erreicht hat, darf es geerntet werden, auf die Gefahr hin, dass später Regen den Weizen für seine besondere Bestimmung unbrauchbar macht.
Und so schließt sich, auf einem Weizenfeld inmitten der Auswüchse der modernen Welt, mit einem archaisch anmutenden Ritual der ewig währende Kreislauf der Gläubigen: Grad einen Monat ist das Pessachfest vorüber, und schon geht es an die Vorbereitung des nächsten Pessachfests.