Sonntag, 10. Oktober 2010

Allah

Sonntagsgottesdienst bei den Syrisch-Katholischen. Obwohl die Gemeinde nur noch eine kleine Zahl von Familien umfasst, ist die kleine Thomas-Kirche im Osten der Altstadt gut gefüllt (Wie wir später erfahren, ist der grössere Teil der Gottesdienstbesucher eine kanadische syrisch-katholische Reisegruppe - zu unserem Vorteil, wird doch die arabische Predigt auf französisch knapp zusammengefasst). Der Gottesdienst beginnt, obwohl ganz offensichtlich noch nicht alle Geistlichen da oder parat sind, aber das stört niemanden. Anders als bei uns, gehört hier das Filmen und Fotografieren zum guten Ton.
Es wird inzensiert, was das Zeug hält, und auch an akkustischen Reizen in Form von Schellen und Glöckchen ist die Feier nicht arm. Gesprochenes Wort gibt es wenig, stattdessen wird viel gesungen. Es ist ungewohnt, das Wort Allah in einer christlichen Kirche zu hören. Noch unerwarteter ist der zum Sanctus plötzlich einsetzende Klang der kleinen E-Orgel, der so gar nicht zur orientalischen Melodik der Gesänge passen will.
Nach dem Gottesdienst trifft man sich zum Kaffee in der "Lounge", unter den Porträts der Patriarchen. Ein Kanadier erklärt uns, in Montreal gebe es die grösste syrisch-katholische Gemeinschaft überhaupt, Tendenz steigend, weil viele syrisch-katholische Christen ihre Heimatländer Irak und Libanon verlassen. Nur die Sprache, aramäisch, verstehen heute die wenigsten, ob in Kanada oder andernorts, deshalb spielen sich weite Teile des gottesdienstlichen Lebens auf Arabisch ab.

Freitag, 8. Oktober 2010

Montag, 4. Oktober 2010

Schattenseiten

Meine Nachbarn laden mich zum Tee ein. Drei Generationen wohnen unter einem Dach. Das Leben spielt sich viel in dem kleinen Vorhof ab. Hier wird gespielt, gesessen, Tee getrunken. Weil es das Klima erlaubt. Aber auch, weil die Familie in einer kleinen Wohnung mit nur einem Fenster wohnt. Seit über vierzig Jahren, und seit fünfzehn Jahren hoffen sie, über die Kustodie an eine bessere Wohnung zu gelangen. Was geht wohl in ihnen vor, wenn ich, die Fremde, ganz für mich alleine eine grosse Dachwohnung mit Terrasse beziehe, die sicherlich doppelt so gross ist als die ihre? Oder wenn sie hören, dass 68 andere Familien gerade ihre grosse, schöne und vor allem bezahlbare Neubauwohnung beziehen?
Das Glück der einen und der Frust der anderen liegen hier nah beieinander. Besonders verbittert ist der Grossvater: Ob ich die Familien in Betfage gesehen habe, will er wissen. Auch ihre Autos? Diejenigen, die dort wohnen werden, verdienen genug, um sich anderswo eine gute Wohnung leisten zu können, lautet der Tenor. Wer hat, dem wird gegeben, und den wirklich Armen, die vor der Kustodie warten, um ihre Sicht der Dinge darzulegen, denen hört keiner zu. Wie viel von der Klage ist Frust, und wo liegt der wahre Kern? Es ist schwierig, sich hier ein eigenes Bild zu machen, denke ich – und traue mich nicht so recht, meine Nachbarn zum Gegenbesuch einzuladen.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Sonntagmorgen in Jerusalem

Ein paar Minuten nach vier in der Früh. Noch vor Anbruch der Dämmerung ertönt der Ruf des Muezzin zum Morgengebet. Etwa eine Viertelstunde lang klingt der ruhige Gesang durch die Nacht. Die Vögel meines Nachbarn fangen begeistert an, mitzusingen - da sie gerade unterhalb meines geöffneten Fensters sitzen, ist an Schlafen erstmal nicht mehr zu denken. Mit dem Muezzin verstummen auch die Piepmätze wieder, es ist ja schliesslich noch dunkel draussen. Bis um sechs die benachbarte Franziskanerkirche als erste ihre Glocke ertönen lässt. Zunächst den Stundenschlag, dann das Geläut zum ersten Gottesdienst. Dazu wieder Vogelgetzwitscher. Für einen kurzen Moment ist es wieder still (mit Ausnahme der Vögel, denn inzwischen ist es ja hell), dann läuten die anderen Kirchen ringsrum zum Sonntagsgottesdienst. Wenn die verschiedenen Glocken durch sind, kommen die ersten meiner Nachbarn schon vom Kirchgang zurück, und der Glockenschlag wird vom hellen Lachen der spielenden Kinder abgelöst.

Samstag, 2. Oktober 2010

Oktoberfest


"Taste the revolution" steht auf dem T-shirt eines Besuchers. Tatsächlich hat es etwas von Widerstand, im doppelten Sinne, wenn der einzige fast vollständig christliche Ort in ganz Palästina zum Oktoberfest einlädt - umgeben von muslimischen Nachbarn und unter israelischer Besatzung...
Auch wenn sich der ein oder andere "Bayer" nach Taybeh verirrt - schliesslich die einzige Brauerei im Nahen Osten, die nach bayerischem Reinheitsgebot braut -, ist die Stimmung doch durch und durch orientalisch: Folklore- und Tanzgruppen, Falafel-Buden, Shewarma-Stände und vor allem Palästinenser-Tücher und -Flaggen en masse. Das Publikum hingegen ist international, und weil die Kirche nunmal ein Dorf ist, trifft man auf viele bekannte Gesichter.