Donnerstag, 14. Oktober 2010

Stranger than fiction

Musik verbindet Menschen und Völker. Pflegen zumindest Musiker gerne zu sagen. Manchmal kommt dabei eine ziemliche Kakophonie heraus. Wie heute Abend im christlichen Altstadtviertel. Im Untergeschoss der Franziskaner probt der (multinationale) Chor. Zwei Etagen höher, in der Kirche, ertönt derweil ein Orgelkonzert. Der (deutsche) Organist greift in die Tasten, dass es auch auf der Strasse davor noch deutlich zu hören ist. Im Gebäude vis-à-vis proben derweil die (arabischen) Pfadpfinder der Pfarrei mit Trommel und Dudelsack für ihren nächsten Einsatz. In der schmalen Gasse zwischen beiden "Lärmquellen" sitzen drei junge (israelische) Sängerinnen in mittelalterlicher Gewandung und warten auf ihrern Einsatz.
Ein paar Meter weiter: Ein Strassenmusikant in voller Aktion, dann ein Leierkastenmann und schliesslich zwei Minnesänger. Die Gasse wie überhaupt das ganze christliche Viertel werden derweil mit mittelalterlicher Fidel- und Flötenmusik beschallt. Zwischendrin sitzen ein paar Araber wie jeden Abend bei ihrer Wasserpfeife und sehen aus, als gehörten sie in eine andere Welt.



Belohnung



Mittwoch, 13. Oktober 2010

Erstaunen, Unverständnis, Entsetzen

Neugierig schauen die Jungs im Bus auf meine Vokabelkarten. Dass jemand freiwillig Arabisch lernt, kann offenbar auch die Frau neben mir nicht recht verstehen und wünscht mir, mit hochgezogener Augenbraue, "good luck". Noch mehr Unverständnis ernte ich von meiner jüdischen Fechtpartnerin. Das sei nicht fair, ich solle stattdessen Hebräisch lernen, so ihre klare Ansicht. Meine "Klientel" seien nun mal vor allem arabischsprachige Christen, versuche ich zu erklären, aber sie lässt nicht locker. Ich solle wenigstens erst Hebräisch lernen und dann Arabisch (wäre sowieso viel einfacher so). Wie ich in dieses Land kommen kann, um dann "doch nur" über Araber zu schreiben, übersteigt ganz offensichtlich ihr Vorstellungsvermögen.
Immerhin scheine ich ihr Interesse geweckt zu haben. Ob ich denn auch in Städte fahre, die "nur von Arabern bewohnt" sind, will sie nach dem Training wissen. Ich bewege mich im ganzen Land, also auch in Ramallah, Nablus oder Bethlehem, erkläre ich ihr. Und treffe dort nette, offene und herzliche Menschen. Ihr Gesicht spiegelt für einen langen Moment blankes Entsetzen. Dann entspannt sie sich: Klar, ich sei ja als Journalistin bekannt und hätte sicher einen grossen Security-Stab um mich herum. Wieder muss ich sie enttäuschen. Weder mit Bodyguard noch mit Schild um den Hals "Nicht-Jüdin und Journalistin".
Immerhin. Nach einer längeren Denkpause sagt sie, vielleicht würde man hier ja doch immer nur das Schlechte im Anderen sehen. Aber so ganz überzeugt klingt es noch nicht.

Insel-Dasein

Angekündigt war das Konzert in der evangelischen Himmelfahrtkirche der Auguste Victoria im palästinensischen Veranstaltungskalender unter dem Titel "Behind the wall", eine "elektrifizierende Oper" sollte es sein. Komponiert von einem palästinensisch-israelischen Künstler. Wie nahe liegt die Erwartung, mit einer spannenden musikalischen Auseinandersetzung mit dem israelischen Sperrwall konfrontiert zu werden, noch dazu an einem Ort, an dem man nur den Blick heben muss, um auf die Mauer Richtung Bethlehem zu schauen.
Weit gefehlt. Der musikalische Leiter und Dirigent des Projektes ist (Ost-)Deutscher, ebenso der Dichter. Der Künstler mit dem eindeutig arabischen Namen lebt seit fast zwanzig Jahren in Deutschland und hat dort sein Handwerk gelernt. Dass Orchester und Chor aus Deutschland stammen, war bereits der Vorangekündigung zu entnehmen. Dass auch das Publikum fast ausschliesslich aus Deutschen bestand, war vielleicht zu erwarten.

Dass sich aber hinter dem Titel "Behind the wall" eine Auseinandersetzung mit der Berliner Mauer verbergen würde, die anlässlich der zwanzig Jahre Wiedervereinigung entstanden ist, kommt überraschend. Umso mehr, als der (anwesende) Komponist im einleitenden Gespräch betont, seine Nationalität oder der israelisch-palästinensische Konflikt hätten für seine Kompositionsarbeit keinerlei Rolle gespielt. So sitzt also ein alles in allem deutsches Publikum in der Kirche der deutschen evangelischen Kirche und setzt sich einundzwanzig Jahre nach ihrem Fall mit der deutschen Mauer auseinander. Die andere Mauer, für den Grossteil des sehr jungen Publikums viel realere, ist in Sichtweite und bleibt unsichtbar.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Remember this day

"Erinnert euch an diesen Tag. Dies ist der Tag, an dem Israel seinen Charakter verändert. Als Resultat könnte es auch seinen Namen ändern in Jüdische Republik Israel, so wie die Islamische Republik Iran. Zu verdanken dem Gesetzentwurf zum Loyalitätseid, den Premierminister Benjamin Netanjahu zur Verabschiedung gebracht hat. Wie man sagt, betrifft er nur Neubürger, die nichtjüdisch sind. Aber er beeinträchtigt unser aller Schicksal. Von nun an werden wir in einem neuen, offiziell bestätigtem ethnokratischen, theokratischen nationalistischen und rassistischem Land leben."
Haaretz-Kolumnist Gideon Levy in Reaktion auf den Regierungsbeschluss, von nichtjüdischen Anwärtern auf die israelische Staatsbürgerschaft zukünftig einen Treu-Eid auf den "jüdischen demokratischen Staat" Israel zu verlangen.
Der gesamte Beitrag bei Haaretz