"Hört mal gut zu, Jungs!" Am Durchgang
zum Platz vor der Grabeskirche schnappt sich der junge Vater seine beide Söhne,
schätzungsweise beide im Kindergartenalter, je einen an jede Hand. "Das
da", er nickt in Richtung der Kirchentür, "ist ein besonderer Ort, er
ist manchen Menschen so heilig wie uns der Kotel." Da drinnen, erklärt er
seinen beiden Knirpsen eindringlich, gibt es "kein Gerenne" und
außerdem herrsche für die Zwei ab jetzt Stille. Die beiden Kleinen nicken mit
großen Augen, ungeduldig und halb schon auf dem Sprung. Eine letzte Ermahnung
des Vaters zu gebührendem Respekt vor dem christlichen Heiligtum und Gehorsam zu elterlichen Anweisungen und die Jungs rennen los in Richtung Kirchentür. Ein
kleines B-Moll im vorbildlichen Verhalten des Vaters: seinen leeren
Orangensaftbecher schiebt er in Ermangelung eines Abfallkübels in Sichtweite
einfach in eine Mauerecke auf dem Vorplatz. Weiter als bis zur Pforte reicht
der Respekt vor dem fremden Heiligtum dann leider doch noch nicht...
Sonntag, 3. Juni 2012
Dienstag, 29. Mai 2012
Präsidentenbesuch
"Das ist schon der dritte deutsche Bundespräsident, denn ich in Israel erlebe - für eine Amtszeit durchaus ungewöhnlich", scherzt einer der Kirchenvertreter beim Empfang von Joachim Gauck in der Residenz von Schimon Peres. "Ganz schön früh, noch vor den Vögeln", amüsiert sich ein Sicherheitsbeamter über das Eintrudeln von Journalisten, Fotografen und Kameraleuten. Fast zwei Stunden sind es noch bis zum offiziellen Empfang, und neben der Kaffeepause in dem schöne Garten des "Beit Hanassi" bietet die Wartezeit einen Blick hinter die Kulissen, wie er selten in den offiziellen Berichten zu sehen ist.
Mit militärischen Ehren soll der hohe Besuch aus Deutschland empfangen werden. Die Militärkapelle spielt probehalber die Nationalhymnen und ein paar weitere Stücke, während der Zeremonienmeister mit seinen Soldaten den Ablauf durchgeht. Auf dem Boden weisen weisse Kreidemarkierungen den Soldaten ihren Standort, mit symmetrischer Akribie werden die Fahnenträger in vorderster Front postiert.
Kurze Entspannungspause, bevor es los geht, dann heisst es "alle Mann an ihren Platz": Soldaten und Fahnen in Reih und Glied, auf der anderen Seite des roten Teppichs Kirchen- und sonstige offizielle Vertreter, hinter der einen Absperrung die schreibende Zunft, hinter einer zweiten das Gros der Bildmedienleute, wenige Ausgewählte mit entsprechendem Badge (und dementsprechender Bewegungsfreiheit) davor. Der eigentliche Akt - militärische Ehrungen, Shake-Hands, Reden und ein kurzes Gespräch fernab der Augen und Ohren der Presse - und weiter geht es zum nächsten Termin. Die Presse eilt hinterher, Entspannung bei den jungen Soldaten, von denen einige vom langen Stehen in der Sonne mit leichten Kreislaufschwächen zu kämpfen haben...Montag, 28. Mai 2012
Handicap
Wenn, dann richtig: Ausgerechnet an einem Freitagabend, passend zum Shabbatbeginn und vor einem Feiertag beschließt mein Computer, den Geist aufzugeben (Pfingsten?!). Der palästinensische Computerladen hat aus unbekannten Gründen an diesem Wochenende geschlossen, und auf jüdischer Seite ist erst nach Shavuot Hilfe zu erhoffen. Das eilig beschaffte Ersatzgerät ist nicht auf dem neuesten Stand und eher ein Obstakel denn eine wahre Hilfe...
Endlich Montag (wer hätte gedacht, dass man sich so auf den Wochenbeginn freuen kann!) und der erste Gang führt zum Spezialisten. Viel ist nicht zu retten, sagt dieser, wie der zu Übersetzungszwecken mitgeschleppte Freund erklärt. Das Gespräch zwischen den beiden über mich und meinen Laptop geht hin und her, ich verstehe nur Bruchteile und fühle mich doppelt gehandicapped...
Sonntag, 27. Mai 2012
Shavuot
Es ist ein ungewohntes Bild: Morgens um halb fünf schieben sich ganze Fluten von jüdischen Gläubigen durch die ansonsten leere Hauptstraße des arabischen Altstadt-Souks. Der Platz vor dem Kotel ist bereits gut gefüllt, und noch immer strömt es aus allen Richtungen. Es ist Shavuot, eines der großen jüdischen Wallfahrtsfeste. "Nicht ganz einfach, um diese Zeit aus dem Bett zu kommen", scherzt einer der Fotografen, der wie ich das Dach der Yeshiva erklommen hat und nun auf den Sonnenaufgang über Klagemauer, Menge und Felsendom wartet. "Ich war gar nicht erst im Bett", kontert Fotograf Nummer Zwei - wie viele der Anwesenden hat er der Tradition entsprechend die Nacht mit Thora-Studium verbracht (an einem Festtag zu fotografieren bereitet ihm aber offensichtlich keine religiösen Gewissensbisse).
Während es am Kotel tanzt, betet und singt, erwacht der Rest der Stadt erst so langsam zum Leben. Ein paar hundert Meter weiter, an der kleinen Klagemauer, versuchen ein paar orthodoxe Juden, den Minjan, das für das Gebet nötige Quorum von zehn mündigen Männern, zusammenzubekommen. "Atah Bar Mitzwa?", wird ein jugendlicher Neuankömmling auf sein Potential hin abgeklopft. Zaghaftes Kopfnicken des Jünglings, und schon findet er sich inmitten der acht bereits Versammelten wieder. Zögernd schauen die Männer in die Runde, noch immer fehlt einer. "Atah yehudi, bist Du Jude?" Die Frage an meinen Begleiter hat fast etwas verzweifeltes, denn der einzige erwachsene Mann in Sichtweite fällt mit buntem Poloshirt und Kamera optisch ziemlich aus dem Rahmen der frommen Runde. Sein Nicken hingegen wird mit einem erleichterten Seufzer quittiert, gefolgt von der recht energischen Aufforderung, das Quorum voll zu machen - "wenigstens für fünf Minuten!". Die Weigerung ist nicht weniger vehement und nach ein, zwei Minuten lauterem Schlagabtausch haben die Neune das Nachsehen - und vielleicht auch das Einsehen? Ein erzwungenes Gebet dürfte schließlich weniger dem Sinn der göttlichen Gebetsaufforderung entsprechen...
Donnerstag, 24. Mai 2012
Justified
"Just as there was no need in the past to label merchandise from the British colonies as British products, so there is no need to mark products from Israel's colonies as Israeli. Anyone who wants to support the Israeli colonial enterprise can buy them; those who are opposed can boycott them. As simple as that, and as necessary. Israel, which boycotts Turkey's beaches and Hamas, should have been the first to understand that. Instead we have heard heart-rending cries and angry rebukes (…) A boycott of goods from the settlements is a justified boycott, and there is no other way to define it. Labeling these products is the minimum demand that every government in the world should make, as a service to its citizens."
Gideon Levy in einem Haaretz-Beitrag (24. Mai) zum Entscheid Dänemarks und Südafrikas, Produkte aus israelischen Westbank-Siedlungen als solche zu kennzeichnen
Gideon Levy in einem Haaretz-Beitrag (24. Mai) zum Entscheid Dänemarks und Südafrikas, Produkte aus israelischen Westbank-Siedlungen als solche zu kennzeichnen
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