Sonntag, 2. November 2014

J'attends toujours

"J’ai fait comme tout le monde, j’ai embrassé le Mur, le Mur m’a embrassé, il a pris de mes nouvelles, moi des siennes, je lui ai passé le bonjour de toute la famille, il ne m’en pas donné concernant la sienne, dommage, puis j’ai glissé ma liste de vœux entre ses pierres fraîches, être augmenté par Slate, voir Saint-Étienne devenir champion d’Europe, avoir d’autres lectrices de mes romans que les amies de ma mère.
J’attends toujours."
Der französische Schriftsteller Laurent Sagalovitsch erklärt in seinem Blogeintrag "Jérusalem, un asile à ciel ouvert" (31. Oktober), warum er für Jerusalem so geschaffen ist wie Mutter Teresa für die Führung eines Bordells.

Stay away

"But to tell the truth about Jerusalem, we need courageous leaders, who of course are lacking. The truth is, no country in the world recognizes Jerusalem as Israel’s capital. It has been destroyed by the occupation. It is divided, torn and scarred.
Its sanctity is a matter for believers only — and in any case there’s no connection between this and sovereignty. Its division into two capitals or its morphing into the capital of one state will be much less of a disaster than continuing its occupation.
Meanwhile, we can only stay away from it, as much as possible." 
Gideon Levy erklärt im Meinungsbeitrag für "Haaretz" (2. November), warum er Jerusalem so gut es geht meidet.

Freitag, 31. Oktober 2014

unschöne Gedanken

Ich gestehe. Ich habe eine Grundabneigung gegen alles Militärische. Und auch wenn mich der beinahe alltägliche Anblick blutjunger Soldatinnen und Soldaten mit Waffe in Bussen, Strassenbahnen und überhaupt im Stadtbild nach all der Zeit weniger schockt als anfangs, werde ich mich so recht nie dran gewöhnen. Noch weniger geht für mich die Heiligkeit einer Stätte mit der zur Schau gestellten militärischen Macht zusammen. Wie gestern Abend, an der heiligsten Stätte einer Religion, am sensibelsten Brennpunkt einer Stadt kurz vor der Explosion. Das heilige Buch in der einen Hand. Die Waffe in der anderen. Dann kann ich mich eines unschönen Gedanken nicht erwehren. Dschihad.




Pulverfass


Die Rede ist vom Pulverfass, von überschrittenen roten Linien, vom Siedepunkt oder von der dritten Intifada: Nicht erst seit den Schüssen auf den rechten jüdischen Tempelberg-Aktivisten Yehuda Glick Mittwochnacht ist die Spannung in Jerusalem förmlich greifbar. Bei meiner täglichen Jogging-Runde warnt mich ein palästinensischer Anwohner von Abu Tor, ich solle lieber eine andere Route wählen ("Siehst Du die Jungs gegenüber in Silwan, die Steine schmeissen? Die können auf die Entfernung nicht sehen, dass Du keine Jüdin bist!"). Als mir die Kette des Rads ausgerechnet vor dem amerikanischen Konsulat abspringt, eilt das Sicherheitspersonal ziemlich schnell nervös zur Hilfe, und auch die unweit des Präsidentenhauses eingelegte Zigarettenpause in der Abenddämmerung ruft innert Sekunden den Wachhabenden auf den Plan.
Seit dem Angriff auf Glick und der anschliessenden Erschiessung des mutmasslichen Täters hat sich die Lage noch verschärft. Zusätzlich zum ohnehin schon mehrfach erhöhten Kontingent an Einsatzkräften sind noch mal mehrere Hundertschaften Polizei und Grenzschutz in die engen Gassen der Altstadt und die benachbarten arabischen Wohnviertel geschickt worden. Viele Geschäfte blieben geschlossen, ähnlich leer wie seither sieht man die Altstadt selten. Für den Moment aber scheint der Plan aufzugehen. Der vielleicht kritischste Moment, die Freitagsgebete, sind ohne die ganz grosse Explosion zu Ende gegangen. Vielleicht hat auch der strömende Regen das Seine dazu getan und die erhitzten Gemüter ein wenig gekühlt.

Regierung, Armee, Stadtverwaltung

Das Jerusalem-Syndrom ist diese Woche erneut ausgebrochen. Ein religiöser muslimischer Fanatiker hat offenbar versucht, einen religiösen jüdischen Fanatiker zu ermorden. Beide waren religiös, angeheizt durch vergleichbaren Fanatismus und gespalten durch einen umstrittenen Berg. Viele sind vertraut mit dem Jerusalem-Syndrom, jener psychischen Störung, die Jerusalemer wie Besucher der Stadt trifft. Ihre Opfer sind plötzlich besessen von einer tiefen spirituellen Überzeugung, göttliche oder messianische Kräfte zu haben. Das Resultat ist üblicherweise ein ernsthafter Schaden für sie selbst und jeden, der mit ihnen in Kontakt kommt. In den letzten Jahren habe ich gelegentlich das Gefühl, dass das Jerusalem-Syndrom eine israelische Mainstream-Partei geworden ist, deren Leute die empfindlichsten Positionen im Land besetzen – in der Regierung, in der Armee und der Jerusalemer Stadtverwaltung."
Der israelische Politiker und frühere Parlamentssprecher Avraham Burg in seinem Meinungsbeitrag "Das Jerusalem-Paradox im Herzen Israels" für die israelische Tageszeitung "Haaretz" (31. Oktober). Aktueller Anlass ist der Angriff eines Palästinensers auf einen radikalen jüdischen Tempelberg-Aktivisten in der Nacht zu Donnerstag, der zu einer weiteren Anspannung der Sicherheitslage in Jerusalem geführt hat.