Mittwoch, 4. November 2015

Der einzige Fehler...

"Du hast nur einen einzigen Fehler gemacht: Beschlossen, in diesem Land zu leben! Jetzt zahlst Du den Preis." - nüchterne Bottom Line eines guten Freundes zu den Ereignissen bei meiner jüngsten Rückreise nach Jerusalem. Rom - Jerusalem - Frankfurt - Keflavik - Paris lief eigentlich alles ganz gut. Dann kam El Al. An die ausdauernde Befragung habe ich mich mittlerweile einigermassen gewöhnt. Diesmal sind aber so einige Grenzen überschritten worden... 
Als erstes wird mir mitgeteilt, ich dürfe kein Gepäck mit in die Kabine nehmen. Mein Computer, meine Fotoausrüstung, Festplatte mit Fotoarchiv und ein in Glas gerahmtes Foto müssten in den Bauch der Maschine, andernfalls könnte ich ja da bleiben, wenn mir das nicht passt. Während mein Handgepäck also gecheckt wird, werde ich in einen separaten Raum am Ende der Pariser Flughafenwelt gebracht, mit dem Versprechen, mein ordentlich verpacktes Gepäck zu Gesicht zu bekommen, bevor es verladen wird. Bei mir behalten darf ich Pass, Geld, Hausschlüssel und ein Buch. Alles wird auf Sprengstoff überprüft und gecheckt. Währenddessen darf ich mich vor drei jungen Damen ausziehen. Körperkontrolle. "Halb so wild, wir sind ja alle Frauen", der Kommentar einer von ihnen, als mein BH durch den XRay wandert. Mein Portemonnaie bekomme ich in einem Stapel Einzelteilen wieder. "Einpacken bitte erst im Flieger, jetzt ist dafür keine Zeit." Zurück am Gate wartet ein Sicherheitsmensch mit meinem Computer auf mich, vom Rest des Gepäcks entgegen aller Versprechungen keine Spur. Ich solle das Passwort eingeben, und wenn mir das nicht passt, könne ich ja in Paris bleiben... Der Flughafenmensch hat unterdessen ungefähr fünf mal wiederholt, dass sie nicht länger auf mich warten können. Ich raste kurz aus, ergebe mich dann aber doch und tippe mein Passwort ein. Mein Computer verschwindet, der Sicherheitsmensch ruft mir hinterher, mein Gepäck werde nicht mit derselben Maschine nach Israel fliegen, sondern erst am nächsten Morgen. Ich soll meine Telefonnummer hinterlassen, damit sie mich anrufen können, wann das Gepäck nach Jerusalem gebracht wird. Mein Telefon ist aber im Gepäck, das man mir weggenommen hat. Ich gebe die Adresse eines nahegelegenen Hotels an und boarde. 
Nach langem Beherrschen fliessen auf dem Rückflug dann doch die Tränen der Erschöpfung und der Demütigung, daran ändert auch der freundliche El-Al-Steward nichts mehr. Der Flieger landet mit einer Stunde Verspätung (wofür dichter Nebel in Paris und nicht mein Security-Check verantwortlich ist), ich werde zum Lost&Found-Schalter aufgerufen. Auch mein in Island eingechecktes Gepäck ist nicht in Tel Aviv angekommen. Morgen früh, heisst es, habe ich alles wieder. Am nächsten Morgen ist von keinem meiner Gepäckstücke eine Spur, auch diverse Anrufe bei El Al bringen mich nicht weiter.  Ein Anruf und eine Mail an die deutsche Botschaft sind nicht wirklich hilfreich. Freundlich wird mir mitgeteilt, man wisse über die teils unangenehmen Behandlungen, aber ich könne ja demnächst eine andere Airline nutzen. Es werden mehr als 24 weitere Stunden vergehen, bis das letzte Teil ankommt.

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Spiel mit dem Feuer

"The current outbreak of violence, on both sides of the Green Line, also has roots that aren’t religious (nationalism, the occupation, economics, demography, despair, frustration, populism), but religion serves as the chief instigator. Karl Marx, who was right about so many things, was wrong when he termed religion “the opiate of the masses.” Opiates have a calming effect. In the Holy Land, as in other places, religion is the gunpowder of the masses, and elected officials on both sides are putting matches to it."
Gott ist eine starke Marke, meint Uri Misgav in seinem Haaretz-Kommentar (14. Oktober) zur religiösen Komponente in der jüngsten Gewalt. Wenn es ihn gäbe, so Misgav, würde er diesen Wahnsinn nicht zulassen.

Donnerstag, 17. September 2015

"We want the community to flourish"

President Reuven Rivlin's Address
To the Council of the Bishops' Conferences of Europe
Wednesday, 16 September 2015 / 3 Tishrei 5776



His Eminence Cardinal Peter Erdo, His Beatitude, Fuad Twal, Latin Patriarch of Jerusalem, bishops, cardinals, distinguished guests, welcome to my home, welcome to Jerusalem, welcome to Israel. Thank you for visiting today, as we say in Hebrew, 'Bruchim HaBaim' bless you all.
Dear guests, you are here in the Holy Land during the holy days. As our Muslim citizens, celebrate Eid El-Adha in another week, for us, it will be Yom Kippur when we fast and ask God to write us in the Book of Life. Yesterday, we celebrated Rosh Hashanah, the beginning of a New Year; which we hope will be a year of tolerance and understanding. Yet, on the evening of Rosh Hashanah, Alexander Levlovitz, a Jerusalemite, a family man, was murdered when terrorists threw rocks at his car, forcing him off the road. This bloody attack shows us once again that terror is terror – whether with rocks, guns or other weapons – and it shows us we must act firmly against all terrorism.
Two weeks ago I met Pope Francis, and told him of my memories, of Yom Kippur, growing up in Jerusalem, before the State of Israel was established. I remember holding my father’s hand as we walked to the Western Wall to hear the blowing of the Shofar at the end of the fast. But even at this holy hour, we could not blow the Shofar and anyone who did was arrested. As a young child, I promised myself to fight with all my ability so that no one - Jew, Muslim, Christian, or other - would ever feel as I did; afraid to show their faith.
The Jewish people knows what it means to have to hide your faith in fear for your life. Even today, in too many places Jews do not wear skullcaps in the street. Anti-Semitism, and anti-Zionism, together with all forms of hatred, and racism must be condemned by all of us. This is something that Pope Francis said in my meeting with him, and I appreciate his words very much. In the last years the Christian communities of the Middle East have paid, a heavy price for their faith. Israel, as a Jewish and democratic state, is proud that Christians in Israel enjoy freedom of worship, freedom of religion, and do not fear for their lives. When there has been vandalism at holy sites, we stood together, and continue to stand together, with the Christian community, to condemn these terrible acts. An attack on any place of worship, is an attack on all of us. But it is not enough for us, for Israel, to only be a safe haven for the Christian community. We want the community to flourish, to play a part in the Israeli experience, and to be part, of Israeli society. I know there are issues of concern for the Christian community. I met with the community leaders and also visited the Christian sites in the Jordan valley and at Tabgha. We must continue to work together to find a solution as soon as possible. This is my commitment to you.
Friends, the task before us is clear. We have no war with Islam, no fight with Christianity; we all have to battle together against extremism and fundamentalism. It is the duty of all of us to work for mutual respect, and understanding. In just over a month, we will mark 50 years, of the Nostra Aetate. This was important not just because it made a clear stand against anti-Semitism and opened the way for a real and true dialogue between the Catholic and Jewish communities; but because of its fifth point, which stated that all mankind was created in God’s image, regardless of religion or race. A message that all of us must always remember. As you return to your home countries, I want you to take with you, my blessings from Jerusalem, to your communities. I wish you all, a happy and sweet, New Year.

Freitag, 4. September 2015

إن نسيتك يا أورشليم       if I forget thee o Jerusalem       אם־אשכחך ירושלם
© 2015 katya bariudin – andrea krogmann
 

Dienstag, 1. September 2015

Wut im Bauch

Sonntagmittag in Beit Jalla. Ein für seine Direktheit bekannter streitbarer alt-Patriarch Michel Sabah steht auf einem kleinen Platz in der Nachbarschaft "Beir Ona", dutzende Mikrophone und Kameras auf ihn gerichtet. Jemand hinter ihm streckt eine Marienikone gen Himmel, denselben, in dem bereits etliche Palästinenserfahnen wehen. Viele, die sich um Sabah scharen, hatten sich vorher zur Sonntagsmesse im "Deir el latin" versammelt. Vor den Kameras wiederholt der Palästinenser Worte seiner Predigt, spricht von Frieden, Gerechtigkeit, kritisiert die Entwurzelung uralter Olivenbäume, macht den Anspruch der Beit-Jalla-Bewohner auf ihre Erde geltend. Der Tag wird kommen, sagt Sabah, an dem unser Land wieder uns gehört, und das wird der Tag sein, an dem Israelis und Palästinenser in Frieden zusammenleben. Auf den Dächern der umliegenden Häuser stehen israelische Sicherheitskräfte.
Zu einem "Marsch des Friedens" ruft Michel Sabah auf, zu einer "geistigen Intifada, ohne Kugeln und ohne Steine". Die kleine Menge setzt sich in Bewegung, von dem kleinen Platz aus in Richtung der Absperrung, an der israelische Sicherheitskräfte den Zugang zur Baustelle des umstrittenen Mauerteilstücks verhindern, das einst die Bewohner von Beit Jala von weiten Teilen ihrer Ländereihen abtrennen soll. Ordensschwestern, Priester, Gläubige. Christen und Muslime, Männer, Frauen, Alte und Dorfjugend folgen einem Jeep, aus dessen Lautsprecher ein Kirchenlied scheppert. Viele singen mit. Die Einheit wird beschworen, ein Vater Unser gebetet. Sabah steigt in sein Auto. Ein Teil der Menge zieht weiter, dichter an die Israelis, Sprechchöre werden lauter. Die Stimmung bleibt friedlich, Provokationen oder Aggressionen bleiben aus.
Dann ein Knall. Noch einer. Viele weitere. Tränengaskartuschen landen in der Menge, die Luft wird unangenehm. Was dann kommt, geht schnell. Bloss keine von den Kartuschen abbekommen. Raus aus der beissenden Luft. Ein Blick zurück, sicherstellen, dass die Freundinnen in Ordnung sind. Rennen. Die Kartuschen folgen der flüchtenden Menge, die Reichweite und Zielgenauigkeit sind erschreckend. Augen, Hals, das ganze Gesicht brennen. Erfahrenere Mitflüchtende verteilen Ratschläge, wie mit den unangenehmen Auswirkungen des Reizgases umzugehen ist.
Durchgeschwitzt und sprachlos kommen wir zurück ans Auto. Ein Anruf bei den Kollegen, ob alles in Ordnung ist. Der Schmerz und der Schock lassen langsam nach. Puls und Atem beruhigen sich. Zurück bleibt die Wut.