Freitag, 1. November 2019

Lichtsphären


Weite weiß Hose, weißes Hemd, tiefer Ausschnitt. Lange dunkle Locken fallen über die Schulter, der grau durchsetzte Bart rahmt das Lächeln. "Hier in Jerusalem atmet meine Seele tiefste Heimat", sagt Yvelle Gabriel. Andernorts ginge der in Mainz geborene Künstler vielleicht als Hippie oder Aussteiger durch. In dem kleinen Café in Ein Karem hingegen zieht er die Aufmerksamkeit der christlichen Pilger auf sich, die den Spuren Johannes des Täufers folgen. Manche greifen zur Kamera. Manch einer mag wohl an Jesus denken. Doch Yvelle Gabriel ist kein weiterer Fall des "Jerusalem-Syndroms", wie Jerusalemreisende bezeichnet werden, die sich in vorrübergehendem religiösem Wahn mit biblischen Personen identifizieren. Für den 50-Jährigen, der sich selbst in der Tradition der Urchristen versteht, ist das Heilige Land vielmehr "als paradoxester Ort der Welt mein eigener heiliger Spiegel". Wenn überhaupt könne hier, am "Bauchnabel der Welt" Reinigung und Heilung geschehen. Seinen Beitrag dazu sieht Gabriel im Erschaffen "heiliger und beseelter Räume", wie etwa der künstlerischen Gestaltung des unlängst eröffneten unterirdischen Friedhofs. Kraft habe Jerusalem nicht zuletzt deshalb, "weil Menschen ihren Glauben und ihre Liebe hineingelegt haben". Und es weiterhin Tag für Tag tun, wie die Pilger, die auf dem Weg durch Ein Karem innehalten ob der ungewöhnlichen Gestalt in dem kleinen Café. 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen