Dienstag, 29. Juli 2025

Entgrenzung

Ofer Waldman wurde in Jerusalem geboren und lebt heute in Berlin. Musiker, Autor, Redner.

Heute hat er im Deutschlandfunk ein politisches Feuilleton hingelegt. Deutliche Worte über das, was im Krieg mit unserer Sprache und anschliessend mit unserer Realität geschieht.

(M)ein Transkript des Radiobeitrags:

 
Entgrenzung: Kaum ein anderes Wort beschreibt so präzise was in Gaza, in Israel seit dem 7. Oktober 2023 geschieht. Räumliche Entgrenzung, politische Entgrenzung, menschliche Entgrenzung.

Zuerst die räumliche:

Am 7. Oktober überwanden Terroristen der Hamas die Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel, drangen in militärische Basen, vor allem aber in zivile Ortschaften ein. Dort begannen sie zu morden und zu misshandeln. Auch verschleppten sie über 200 Menschen, darunter Babys und Greise. Über 1.000 Menschen, die große Mehrheit davon Zivilisten, wurden an diesem Tag grausam ermordet. Daraufhin startete Israel eine Militäroffensive, die den Gasstreifen sprichwörtlich dem Erdboden gleich macht. Häuser, Schulen, Krankenhäuser, der Gazastreifen ist zur grauen Trümmerwüste verkommen. Die offiziell Todeszahl beläuft sich auf fast 60.000, überwiegend Zivilisten, Kinder, Frauen. Hinter dieser Zahl versteckt sind eine Hungersnot, eine humanitäre Krise sondergleichen, die Zerstörung jeglicher Grundlagen für eine menschliche Existenz.

Der 7. Oktober und der darauffolgende Krieg entgrenzten unsere Vorstellungskraft. Todeszahlen, die bis vor zwei Jahren die Welt in Atem gehalten hätten, gehen nun als gewöhnliche Tagesmeldungen unter. Begriffe wie Vertreibung, Konzentration, Hungersnot, Geiseln, sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe sind geläufig geworden. Unsere Sprache, unsere Vorstellungskraft gewöhnten sich an diese Worte und mit ihnen auch unsere Realität. Unsere entgrenzte Realität.

Und wo die Realität sich entgrenzt, entgrenzt sich auch die Politik. Über die in Trümmern liegende Grenze des Vorstellbaren drängen nun infernalische Ideen und Schreckensvisionen in unsere Welt. Fanatische israelische Politiker erkennen, dass eine entgrenzte Realität ihnen eine einmalige Chance bietet, ihre messianischen Wahnideen Wirklichkeit werden zu lassen: die Vertreibung von mehr als 2 Millionen Palästinensern aus dem Gazastreifen, womöglich auch aus Teilen des Westjordanlandes, die endgültige Abschaffung der liberalen Demokratie in Israel und die Errichtung eines formell demokratischen, de facto religiös-nationalistischen Staates.

Wer glaubt, diese Entgrenzung wird sich auf den Nahen Osten beschränken, übt sich in gefährlicher. Selbsttäuschung. Nicht nur in Washington, auch in Europas rechtsextremen nationalistischen Abgründen wird diese Entgrenzung unserer Weltordnung gefeiert. Weltweit hegen antidemokratische Kräfte Schreckensvisionen und Pläne, die nur darauf warten, vorstellbar zu werden.

Dieser völligen Entgrenzung gegenüber stehen, gebeutelt und versehrt, drei Grenzwächter: der freie Journalismus, die demokratische Zivilgesellschaft und das Völkerrecht. Die Journalistinnen und Journalisten, die uns erzählen, was hinter der Grenze unserer Vorstellungskraft lauert. Die Aktivisten und Aktivistinnen der demokratischen Zivilgesellschaft, in Israel, in Palästina, weltweit, die uns daran erinnern, dass wir die Wahrung dieses Schutzwalls nicht der Politik überlassen dürfen. Vor allem aber das Völkerrecht, das aus den menschlichen Katastrophen des 20. Jahrhundert entstand.

Das Völkerrecht ist die Barriere zwischen Menschlichkeit und Barbarei. Mit ihm bestehen wir darauf, dass das Unvorstellbare unvorstellbar bleibt. Es ermahnt uns, eine humane Grenze immer wieder zu ziehen und zu wahren, in der Sprache, in der Politik, in unserer Welt, in Israel, in Gaza.

Zum Nachhören:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/wir-erleben-die-totale-entgrenzung-100.html

 


Montag, 12. Februar 2024

mein jerusalem

was ich mag
  • sonntagsvormittagsarbeit begleitet von orthodoxen liturgischen gesängen aus der stereoanlage meiner nachbarn
  • ramadan in den gassen der altstadt und die stille momente vor dem fastenbrechen
  • die verwirrung über den französischen akzent in meinem hebräisch
  • jack, der aus angst vor weiteren kunden kurzerhand um 22 uhr das kneipenlicht ausschaltet, nur um uns kurz danach noch ein glas wein aufs haus zu servieren
  • am shabbat bei rot quer über die grössten kreuzungen zu laufen 
  • an yom kippur auf der autobahn zum strand zu radeln
  • hummus von abu shukri
  • aufwachen mit dem muezzin 
  • einschlafen mit dem muezzin
  • smalltalk mit den polizisten vor der grabeskirche
  • apfelscheiben vom lieblingsbarmann im lavan
  • tuk-tuk-fahren in gaza
  • die kakophonie zum sonnenuntergang
  • st. anna ganz für mich alleine 
  • den audsruck in den gesichtern beim ersten regen der saison
  • das spiel mit den schubladen 

was ich nicht mag
  • "ajnabiyye" sein
  • die frage, was ich von jerusalem, israel, palästina ... halte 
  • die schubladen 
  • gehen müssen 

 

 

 

DIES waren zwei Listen, in denen ich über die ersten Jahre hier im Land gesammelt hab, was ich mag und was nicht. Ich hob sie auf, für den gefürchteten Tag, an dem ich diese Ort vielleicht mal verlassen muss.

Wenn ich sie jetzt neuschriebe, sähen sie anders aus, aber doch auch nicht so ganz.
Den Barmann gibt es nicht mehr, das Lavan auch nicht, aber zu Humus Abu Shukri ist als Entdeckung Humus Arafat hinzugekommen. Jack hat Konkurrenz durch Toni und sein "Gateway" bekommen, die Nachbarn von heute singen eher jüdische Schabbatlieder, mein Hebräisch ist definitiv besser geworden. Vielleicht sieht man mich immer noch hier und da als "ajnabiyye", aber gehen werd ich nicht mehr müssen. 

Noch immer liebe ich diese Stadt und auch das Land, irgendwie, auch wenn wir alle hier bessere Zeiten gesehen haben und die gegenwärtigen Zeiten - unter der gegenwärtigen Regierung und nach dem 7. Oktober - sicher die dunkelsten sind, die ich in 13+ Jahren hier erlebt habe.

    Montag, 25. Mai 2020

    Verwirrung

    "Open, closed, open" lautet der Titel eines Gedichtbands von Jehuda Amichai. Die weniger lyrische Übertragung auf eine der heiligsten Stätten der Christenheit müsste gegenwärtig lauten: Closed, open, closed. Eigentlich sollte die Grabeskirche am Sonntagmorgen, zwei Monate nach ihrer Covid-19-bedingten Schliessung, wieder für Beter und Besucher die Türen öffnen. Das verbreitete sich ab Mittwoch via Facebook & Co. auf den inoffiziellen Kanälen, am Samstagmittag gaben es die drei massgeblichen Konfessionen mit einer (rückdatieren) Stellungnahme auch offiziell bekannt. De facto herrschten Verwirrung und Chaos.


    Immer um Mitternacht öffnet die Grabeskirche in der Nacht zu Sonntag nach dem Status Quo. An allen anderen Tagen vollzieht sich das althergebrachte Spektakel der Türöffnung mit Leiter, Schlüsselwärter und Aufschliesser um 5 Uhr morgens. In freudiger Erwartung hatten sich also am Sonntag in aller Herrgottsfrühe vereinzelte Gläubige vor den schweren Holztoren eingefunden. 

    Dahinter, mit ein paar Metern Abstand aufgereiht wie auf einer Perlenkette, ein gutes Dutzend Kolleginnen und Kollegen mit Kameras und Mikrophonen. Am obersten Ende des Kirchplatzes: die diensthabenden Polizisten beim Schichtwechsel. Keiner kann sich erinnern, dass die Grabeskirche je so lange für Besucher von aussen geschlossen war.


    Langsam bricht der Tag an, und für die Jahreszeit völlig unüblicher Regen und Wind setzen ein. Nur an der Tür tut sich nichts. Von  Polizei, Kollegen und per SMS von Geistlichen im Innern der Kirche kommend, kreuzen sich widersprüchliche Angaben. Um acht Uhr mache sie auf, aber nur für Journalisten, dann wieder heisst es um zehn Uhr, um elf Uhr, nächste Woche. 

    Viertel vor acht etwa öffnet sich die eine Tür von innen einen Spalt. Eine Gruppe koptische Geistliche taucht ein in das Halbdunkel, die Tür schliesst. Die Gläubigen müssen draussen bleiben. Kurz darauf: erneutes Knarren des Holzes, diesmal öffnen sich beide Flügel von innen. Aufgereiht auch hier: Geistliche und Mönche der verschiedenen Konfessionen. 


    Die Schwelle in das Gotteshaus bleibt weiter Sperrgebiet, nur eine grössere Gruppe griechischer Geistlicher und Seminaristen darf rein, mit ihnen vereinzelte Laien. Die Tür schliesst sich erneut. Erst kommenden Sonntag, sagt der armenische Father Samuel, werde die Kirche wirklich öffnen. Von einer graduellen Öffnung spricht später der Franziskanerkustos. Immer wieder wird sich am Tag die Türe für einen kurzen Moment öffnen, um offizielle Liturgieteilnehmer der verschiedenen Konfessionen für die Dauer einer Feier zu verschlucken und anschliessend wieder ans Tageslicht zu spülen. Fussvolk und Kameras stehen unterdessen in einem Gemütszustand zwischen konsterniert, amüsiert und frustriert draussen im Regen.


    Samstag, 23. Mai 2020

    Rare Momente

    Es ist Schabbat, einer der ersten mit relativen Lockerungen der Covid-19-Restriktionen, und es ist der letzte Tag des Ramadan. Nach einer guten Woche Hitzewelle haben sich die Temperaturen selbst in der Sonne auf ein erträgliches Mass abgekühlt. Den ganzen Tag über herrscht in der Altstadt fast vergessenes buntes Treiben. Die Souvenir- und Devotionalienläden sind mehrheitlich noch geschlossen, Lebensmittelstände, Hummusläden und vor allem Süssigkeitenverkäufer aber finden regen Zuspruch. Nicht nur das Wochenende und das bevorstehende Ende der muslimischen Fastenzeit versetzen die Stadt in eine besondere Stimmung: Jerusalem gehört mangels Pilgern und Touristen für einmal ganz und gar ihren Bewohnern. Und mit der sich senkenden Sonne zieht es viele von ihnen auf die Dächer der Altstadt, die einen, um auf den Beginn einer neuen Woche zu warten, die anderen, um mit dem Kanonenschlag zum Sonnenuntergang ein letztes Mal für dieses Jahr das Fasten zu brechen und Eid il-Fitr einzuläuten. Und dann in einem für Jerusalem wohltuend ignoranten Nebeneinander zeitgleich die erste Zigarette des Tages anzuzünden.

    Dienstag, 19. Mai 2020

    Nie so einig

    "Give credit where credit is due. Even before Benjamin Netanyahu and Benny Gantz, together with their cronies and allies, were sworn in on Sunday in the Knesset, they achieved one of their new government’s central missions: They promised unity, and unity they have provided. The Israeli public was never so unanimous in sharing such a collective sense of disgust and revulsion."
    Chemi Shalev kommentiert für "Haaretz" (18. Mai 2020) Netanjahus neue Regierung

    Freitag, 17. April 2020

    Dem Balkon sei Dank

    Auf Ostern in Jerusalem folgt bei mir üblicherweise ein kleines Loch. Runterfahren von der Intensität, die diese Tage am Originalschauplatz bieten. Dass es diesmal so heftig ausfallen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Schon mit meiner Erwartung eines entschleunigten Ostern lag ich daneben. Gefeiert wurde ja trotzdem, nur anders. Die einzigartige Situation brachte genug Arbeit mit sich - nur ohne die über Jahre angehäufte Routine.
    Sechs Wochen dauern Quarantäne, gefolgt von immer schärferen Einschränkungen, nun schon an - bis hin zu wiederholten völligen Ausgangssperren. Die Spannungen sind seither spürbar gewachsen, ebenso die Präsenz von Militär und Polizei in den Straßen. Die Altstadt - durch Stadttore einfach zu kontrollieren - gleicht zeitweise einer Festung aus Checkpoints und mobilen Kontrollteams, die einen alle Weile nach der Berechtigung des Draußenseins befragen. 


    So oder so ähnlich müssen sich Untergrundkämpfer im Krieg gefühlt haben, denke ich, und frage den 96-jährigen Bekannten, der im Holocaust in der französischen Resistance kämpfte. Am ersten Checkpoint mit gefälschter Identität hat man noch Angst, sagt er. Sie sinke mit jeder weiteren Kontrolle - bis man irgendwann vergisst, dass die Identität gefälscht sei.
    Zur Resistance-Kämpferin tauge ich ganz offenbar nicht. Die ständige Alarmbereitschaft kostet, und bei mir steigt der Stresspegel bei jeder Kontrolle, ganz ohne dass meine Identität gefälscht wäre. Die Ausreden, die ich mir für meine täglichen kleinen Fluchten zum Laufen bereitgelegt habe, sitzen mittlerweile wie ein Mantra auch auf Hebräisch; manchmal träume ich von ihnen.
    Heute jedenfalls brauchte ich sie, war ich doch beim verbotenen Joggen in eine Straßensperre geraten. Nach einer halben Stunde Befragung wurde ich mit einer Verwarnung ziehen gelassen. Nicht etwa, weil meine Ausreden (oder gar mein Hebräisch) so gut waren. Der alphanumerische deutsche Pass war nicht mit dem numerischen israelischen System vereinbar, der betreffenden Einsatzkraft der Weg zur nächsten Wache zu weit.


    Der Dämpfer brachte bei mir erste Anzeichen des Lagerkollers mit sich, verschärft durch die immer schwieriger zu ertragende Omnipräsenz der Nachbarn. In der Altstadt leben wir wie in einem Hühnerstall aufeinander; an guten Tagen nicht immer konfliktfrei, in Zeiten wie diesen unerträglich.
    Nach den Feiertagen werden sie die Einschränkungen lockern, äußern viele Freunde immer wieder ihre Hoffnung. Doch Feiertage in einer multireligiösen Stadt wie Jerusalem scheinen in Corona-Zeiten schlicht endlos. Auf den Auftakt des jüdischen Pessachfests folgt Ostern nach Gregorianischem Kalender; folgt der Abschluss von Pessach, folgt Mimouna, das marokkanische Nachpessachfest; folgt Ostern nach Julianischem Kalender, folgt Ramadan. Folgt Pfingsten, folgt Schawuot. Doch soweit mag ich gar nicht denken.


    Jeder Feiertag als potentieller Anlass für eine erneute komplette Ausgangssperre, die mit zunehmender Härte umgesetzt wird, während Ministerpräsident, Staatspräsident und Gesundheitsminister die selbst gesetzten Regeln fröhlich und öffentlich dokumentiert brechen. Besagter Gesundheitsminister stellte übrigens das Kommen des Messias in Aussicht, irrte allerdings beim Datum (bis Pessach, oder vergaß er nur das Jahr?).
    Unterdessen ist, von der Öffentlichkeit beinahe unkommentiert, das Mandat des Netanjahu-Herausforderers Benny Gantz zur Regierungsbildung abgelaufen; hat Staatspräsident Reuven Rivlin das Parlament an seiner statt mit der Regierungsbildung beauftragt; ist das Land wieder einen Schritt näher an den vierten vorgezogenen Neuwahlen binnen weniger als 18 Monaten. Aber da sich gegenwärtig schon Tage wie eine Ewigkeit anfühlen, ist bis dahin ja (gefühlt) noch etwas Zeit.

    Dienstag, 14. April 2020

    Mittendrin und einsam-gemeinsam

    Klar ist es ein Privileg, dort sein zu dürfen, wo zu den hohen Feiertagen wohl die meisten Gläubigen gern wären: am Originalschauplatz. Damit ist man jedoch üblicherweise auch immer mitten drin: im Gedränge.
     

    Einsam-gemeinsam. So liessen sich stattdessen die vergangenen Tage beschreiben, in die neben dem jüdischen Pessachfest auch die Heilige Woche und das Osterfest nach dem gregorianischen Kalender fielen. Gefeiert wurde, aber eben nicht wie üblich im Gedränge der Menge, sondern in der Kernfamilie, im extremsten Fall allein. Wo die Palmprozession abgesagt wurde, kamen gesegnete Palmzweige in Körben zu den Häusern der Menschen. Wo sie aufgrund von Ausgangssperren nicht zum traditionellen Kreuzweg auf die Via Dolorosa kommen konnten, zog der Pfarrer mit seinem Kreuz durch die engen Gassen des christlichen Viertels, bauten engagierte Gläubige Kreuze in ihren Nachbarschaften auf. Wo das gemeinsame Gebet aus Virenschutz verboten war, versammelten sich Juden zu Pessach in Gebetsschals auf den Dächern ihrer Häuser, um jeder für sich und trotzdem zusammen Gott zu preisen. Wo optische (Über)Reize zur Leere werden, übernimmt das Akustische: Osterhymnen und Torahlesungen sozusagen frei Haus, ein hörbares Add-On zum üblichen Klangteppich aus Glocken und Muezzinen. Dann und wann (nach den Regeln des Status Quo, an denen auch in Pandemiezeiten nicht gerüttelt wird) öffneten sich die Tore der Grabeskirche, um den Erzbischof mit weniger als einer Handvoll Begleitern in die Dunkelheit zu verschlucken. Gesänge und Orgelklänge hinter verschlossenen Türen schufen ein ebenso surreales wie vertrautes Bild.
     

    Und ich? Bin immer noch privilegiert. Weil ich zum Arbeiten raus darf, und meine Arbeit auch darin besteht, diese ungesehenen Szenen sichtbar zu machen. Wenn ich aber gedacht hatte, statt Pilgerflut würden Ruhe und Entschleunigung einkehren und ich für einmal nichts machen, noch nicht einmal feiern – dann lag ich falsch. Die Stadt selbst, scheint es, wird zum Gottesdienst.

    Samstag, 21. März 2020

    Der Himmel über Jerusalem


    Wo anfangen? Vielleicht mit der Überraschung, die zur Überraschung wurde. Als ich Ende Februar den Flieger bestieg, um meinen Vater zu seinem Geburtstag zu überraschen, machte ich mir zwar Gedanken, ob der Blitzbesuch für meine Eltern (Risikogruppe!) bedenklich sein könnte. Dass das Deutschlandwochenende mich nach Rückkehr in zweiwöchige Quarantäne befördern würde, damit hatte ich nicht gerechnet.


    Ich hielt mich dran, meistens, nur nachts wurden die Laufschuhe ausgeführt, tagsüber isoliert vom heimischen Wohnzimmer (und bei Sonne vor der Wohnungstür auf der Terrasse) gearbeitet. Lebensmittel wurden von Freunden vor die Tür geliefert eigentlich ganz praktisch (die Bestellung eine Schachtel Tampons wurde allerdings ignoriert). Und vermutlich habe ich noch nie so viele Blumen geschickt bekommen, zweitweise musste ich auf dem Wohnzimmertisch Platz für den Laptop suchen. Als sich Hinweise auf größere Einschränkungen der Bewegungsfreiheit mehrten, musste die Quarantäne dann aber doch einmal wirklich gebrochen werden, zum Katzenfuttereinkauf zusammen mit der Kollegin der DW (und der Instinkt hat nicht getrügt: Wir waren tatsächlich die letzten, die noch in den Laden gelassen wurden…). Seit Sonntag gilt, dass nur noch "systemrelevante" Dienste aufrechterhalten werden dürfen.

    Dann endlich, Montag. Quarantänefrei. Raus aus dem Haus. Fotografieren in einer Stadt, die ich noch nie so menschenleer gesehen habe. Erstaunen darüber, dass in der Altstadt weiterhin einzelne Cafés und nicht ganz so einzelne Souvenirläden geöffnet haben und dass es immer noch Menschen gibt, die etwa den Salbstein in der Grabeskirche oder die Klagemauer küssen und streicheln. Dienstag noch eine zweite Runde über Klagemauer, Grabeskirche und Altstadt, dann am Abend die Nachricht, dass ab sofort das Verlassen der Wohnungen nur noch in dringenden Fällen gestattet ist. Gottesdienstliches Leben läuft (in allen drei Religionen) auf Sparflamme – interessanterweise ist die Obergrenze zehn, also die Zahl, die bestimmte jüdische Gebete als Quorum erfordern. Sport, so ergab der Check der neuen Bestimmungen, ist vorerst noch so ein "dringender Fall", in Kleinstgruppen von maximal fünf Personen und mit zwei Metern Abstand. Ungeklärt bleibt die Frage, ob Frauen – anders als bei den jüdischen Gebetsquoren – dabei zählen oder nicht :-)


    Inzwischen hat sich eine Art Home-Office-Alltag eingependelt, der allabendlich mit der "Fernsehansprache" von Benjamin Netanjahu zu den neuesten Maßnahmen endet. Es ist schwer, sich des Gefühls zu erwehren, dass bestimmte Personen hier politisches Kapital aus der Krise schlagen. Fast drei Wochen nach den dritten Neuwahlen innerhalb eines Jahres gibt es immer noch keine neue Regierung, werden das Parlament und die Justiz quasi lahmgelegt und (mit erschreckender Akzeptanz der Zivilgesellschaft) Schritte zu einer unkontrollierten Überwachung von Coronavirusbetroffenen eingeleitet. Dass trotz weitreichender Einschränkungen dagegen Menschen auf die Straße gehen (bzw. in diesem Fall wohl eher: fahren), ist ein kleiner Lichtblick.


    Die Botschaft sammelt inzwischen Adressen von Deutschen, die im Fall einer vollständigen Grenzschließung ausgeflogen werden wollen. Freiwillige in den deutschen Einrichtungen wie der Schmidtschule und dem Paulushaus wurden am Donnerstag ausgeflogen, darunter leider auch meine Katzenhüterin. Ausländer kommen nicht mehr ins Land (mit Ausnahme von Angeheirateten, Diplomaten und anderen, deren Lebensmittelpunkt nachweislich in Israel ist). Israelis dürfen nicht mehr über die Landgrenzen ausreisen, der Flugverkehr ist sehr stark reduziert. Für die palästinensischen Gebiete gilt der Ausnahmezustand, Bethlehem und Region sind völlig abgeriegelt, obwohl zuletzt mitgeteilt wurde, dass Journalisten Bewegungsfreiheit auch dort gewährt werden solle. Die Rückkehr nach Israel würde allerdings schwierig, von erneuter Quarantänepflicht mal abgesehen.
     
    Ansonsten (und ich hoffe, es klingt nicht zynisch): Die gesamte Woche im "Freigang" begleitete mich das Gefühl, dass die gegenwärtige Situation Jerusalem gut tut. Die Stadt atmet förmlich auf, von den Menschen- und Automassen befreit. Der Himmel ist so klar wie sonst nie, die Luft spürbar besser, die Stille ein Genuss. Freunde rufen häufiger mal an. Die wenigen Menschen, die sich draußen und auf Distanz begegnen, gehen sanft und freundlich miteinander um, sonst nicht gerade ein Charakteristikum der ellbogigen Gesellschaft hier. Grob gesagt, kann man die Menschen hier in Bezug auf Coronaängste in vier Schubladen stecken: Panik und Ignoranz (beides eher Minderheiten), und dann die vermutlich etwa gleichstark vertretenen Haltungen "Sorge, aber ohne Panik" und "Ich halt mich für die anderen dran, auch wenn's mich nicht kümmert". 


    Prognosen für die nähere und mittelfristige Zukunft wage ich keine. Diverse private Pläne (Urlaub, Wettbewerbe, Besuche) fielen dem Virus schon zum Opfer, Wochenendausgleiche schiebe ich vor mir her. Angesichts der Nachrichtenlage und Dominanz des Themas fällt es mir schwer, davon abzuschalten und den Kopf frei zu kriegen für andere Themen. Wirklich beunruhigt bin ich allerdings von den "Testläufen", die die israelischen Sicherheitskräfte hier grade an der Altstadt und arabischen Wohnvierteln starten. Zweitweise war gestern die Altstadt (= mein Wohnort) abgeriegelt – und ich befürchte, dass sich das wiederholen und ausweiten könnte. 


    Dank Covid-19 habe ich inzwischen Internet zuhause und auch Skype läuft auf dem Laptop. Der Kontakt mit Euch und Ihnen lief und läuft einwandfrei und die fürsorglichen Nachfragen, ob in Jerusalem alles in Ordnung sei, tun gut und können alles in allem mit JA beantwortet werden! Und die Vierbeiner sind höchst zufrieden mit meiner Dauerpräsenz im heimischen Wohnzimmer (dann ist nämlich der Heizstrahler auch auf Dauerbetrieb).

    Donnerstag, 30. Januar 2020

    Lernen dürfen

    Wenn einer ihrer Enkel oder Urenkel einen Durchhänger in der Schule hat, kann Ida Akerman-Tieder das nur schwer verstehen kann. Auch deshalb erzählt die pensionierte Kinderpsychiaterin und Psychoanalytikern ihre Geschichte – damit die Generationen nach ihr verstehen, was es bedeutet, "lernen zu dürfen". 

    Lernen zu dürfen, Ärztin zu werden: Ein Traum der heute 92-Jährigen. Und möglicherweise die Kraft, die sie überleben liess. Die in Berlin geborene Jüdin ist 14, als französische Gendarmen ihre Eltern aus dem Dorf Sablet holen, das ihnen als Fluchtort vor den Nationalsozialisten dient. Sie ist 14, als sie realisiert: "Ich bin alleine und machtlos. Alles, was mir bleibt, ist mein Kopf."
    Ihre Eltern wird sie nicht wiedersehen. Als Testament aus dem Zug nach Auschwitz hinterließ der Vater die Mahnung, "nicht gegen Gott zu rebellieren, den Schabbat zu halten und gut zueinander zu sein". Nicht gegen Gott rebellierten Ida und ihre Geschwister, wohl aber gegen alle Hindernisse, die man ihnen auch nach dem Krieg auf den Weg legte. Alle drei, Ida, der jüngere Bruder und die ältere Schwester wurden Ärzte.
    "Mein Beruf hat mir das Werkzeug zu geben, um an mir selbst zu arbeiten", sagt die 92-Jährige. " Wenn ich leben will, muss ich einen Schnitt machen zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit." Damit die Nachgeborenen verstehen, erzählt sie ihre Geschichte, wenn es sein muss, immer wieder.

    Freitag, 1. November 2019

    Lichtsphären


    Weite weiß Hose, weißes Hemd, tiefer Ausschnitt. Lange dunkle Locken fallen über die Schulter, der grau durchsetzte Bart rahmt das Lächeln. "Hier in Jerusalem atmet meine Seele tiefste Heimat", sagt Yvelle Gabriel. Andernorts ginge der in Mainz geborene Künstler vielleicht als Hippie oder Aussteiger durch. In dem kleinen Café in Ein Karem hingegen zieht er die Aufmerksamkeit der christlichen Pilger auf sich, die den Spuren Johannes des Täufers folgen. Manche greifen zur Kamera. Manch einer mag wohl an Jesus denken. Doch Yvelle Gabriel ist kein weiterer Fall des "Jerusalem-Syndroms", wie Jerusalemreisende bezeichnet werden, die sich in vorrübergehendem religiösem Wahn mit biblischen Personen identifizieren. Für den 50-Jährigen, der sich selbst in der Tradition der Urchristen versteht, ist das Heilige Land vielmehr "als paradoxester Ort der Welt mein eigener heiliger Spiegel". Wenn überhaupt könne hier, am "Bauchnabel der Welt" Reinigung und Heilung geschehen. Seinen Beitrag dazu sieht Gabriel im Erschaffen "heiliger und beseelter Räume", wie etwa der künstlerischen Gestaltung des unlängst eröffneten unterirdischen Friedhofs. Kraft habe Jerusalem nicht zuletzt deshalb, "weil Menschen ihren Glauben und ihre Liebe hineingelegt haben". Und es weiterhin Tag für Tag tun, wie die Pilger, die auf dem Weg durch Ein Karem innehalten ob der ungewöhnlichen Gestalt in dem kleinen Café. 


    Freitag, 27. September 2019

    Freund der Kätzchen


     
    Montag, Mittwoch, Freitag: Dreimal wöchentlich macht Ghassan Younes sich von Arara im Norden Israels aus auf nach Jerusalem, 115 Kilometer pro Strecke. Die Nacht zu Samstag verbringt er am Ort. Wenn der 71-Jährige durch das "Bab al-Huta", das Tor der Vergebung" den Tempelberg betritt, muss er nicht lange warten. Hinter dem Tor warten die Schüler auf den weißbärtigen Muslim in traditioneller Kleidung. Dann setzt er die Plastiktüten ab, lässt den Rucksack vom Rücken und die Hand in den Rucksack gleiten. Von Karamell über Schokolade bis zu kleinen Geschenken reicht der verborgene Schatz. Wenige Meter weiter warten die Vierbeiner auf ihren Freund. Diesmal gleitet die Hand in eine der Plastiktüten, Fleisch, gerade noch frisch geschnitten, wird sorgsam an die Tempelbergkatzen verfüttert. Nur der rote Kater, sagt Ghassan, der interessiert sich nicht für das Futter. Im Gleichschritt folgt der Tiger dem Mann zur dritten Station: Neben dem Felsendom wirft Ghassan Körner in die Luft, zur Freude des Katers, der nach dem anrauschenden Federvieh jagt. Abu Huraira nennen sie ihn, Vater der Kätzchen, wie den engen Gefährten des Propheten. Mohammeds besondere Liebe zu Katzen ist es, die Ghassan zu den Fütterungen motiviert: "Es gibt mir die Gelegenheit, ein besserer Muslim zu sein". Die Menschen lächeln, wenn sie Ghassan sehen. Er lächelt zurück: "Das ist doch die beste Medizin der Welt."

    Freitag, 24. Mai 2019

    Seltsam harmonisch

    Ein freundliches Miteinander zwischen Menschen verschiedener Religionen und Ethnien ist etwas, das den Jerusalemer Alltag nicht oft prägt. Gemeinsam genutzte Räume sind rar, ein Satz, der noch einmal wahrer ist als ohnehin schon, schaut man in den religiösen Teil der Bevölkerung. Als positive Ausnahme dieser Regel erweist sich der Vorraum des Operationssaals im religiös-jüdischen Krankenhaus "Shaare Zedek" – "Tore der Gerechtigkeit".
    Chefzi heißt meine Heldin an diesem Morgen. Nicht nur setzt sie meiner sich minütlich ins Panikartige steigernden Unruhe unermüdlich ihre gute Laune entgegen. Der Humor der Krankenschwester und ihr zielsicherer Umgang mit den unterschiedlichen Charakteren um sie herum verzaubern den Raum. Da sind die russischstämmige Anästhesistin, der äthiopischstämmige Pfleger, die arabischen Assistenzärzte. Die sich zwischen originell und skurril bewegenden Kopfbedeckungen tüpfeln Individualität in die einfarbige Welt der OP-Bekleidung. Zusammen geben sie ein seltsam harmonisches Bild: Anders. Und doch gleich.


    Das letzte, das mein Bewusstsein in der einsetzenden Betäubung noch aufschnappt, sind der Ramadanscherz der jüdischen Chirurgin und das herzliche Lachen des muslimischen Kollegen. Ein Krankenhaus ist der Ort, an dem ich gar nicht erst sein müssen will. Einmal drinnen, erwies es sich im Fall von Shaare Zedek in Jerusalem aber als herzerwärmende Erfahrung.