Mittwoch, 6. Juli 2011

Horizonterweiterung

"Willst Du mit zu einem Interview in einer Siedlung?" Die Frage meines israelischen Kollegen lässt mich ein wenig unschlüssig. Das Thema klingt spannend, aber will ich wirklich in eine Westbank-Siedlung? "Auf einem Weg könnten wir dort ein paar Freunde von mir besuchen!" Die Neugier siegt (wenn auch nicht über die Vorurteile) - die Gelegenheit, meinem Bild von diesem komplexen Land ein weiteres kleines Steinchen hinzuzufügen, immer auf der Suche nach einen bisschen "Verständnis" for what is going on. Bis lang habe ich noch keinen Fuss in eine Westbank-Siedlung gesetzt. Die eine Frage hingegen kommt unwillkürlich bei jedem Besuch jenseits der Grünen Linie: was einen Menschen dazu bewegen kann, sich freiwillig dort niederzulassen, wo er so offensichtlich unwillkommen ist - und sich und seine Familie so bedroht sieht, dass er selbst auf den "Sonntagsspaziergang" seine Waffe mitnimmt.
Die Menschen, auf die ich treffe, könnten unterschiedlicher nicht sein. Das junge Paar mit zwei wunderbaren Kids kann sich den Wohnraum in der Stadt nicht leisten - und profitiert für deutlich weniger Geld von einem grossen Haus mit Garten und Platz für grosse und kleine Haustiere. Der alte Nachbar ist überzeugter Zionist und Siedler der ersten Stunde, der glaubt, die arabische Mentalität aufs Genaueste zu kennen ("Kompromisse und Gespräche sind in den Augen von Arabern ein Zeichen von Schwäche und Verlust!"), und der keinen Hehl aus seinem militaristischem Faible macht ("Um meine Söhne reissen sich alle Eliteeinheiten!"). Die amerikanische Familie, deren Sohn aus Liebe zur Musik eine Instrumentenbauerlehre absolviert - just for fun, für die Friedensgespräche mit den Palästinensern ein "Dolchstoss in den Rücken der Siedlerbewegung" sind. Lage und Aussicht sind paradiesisch, der Blick geht über arabische Dörfer, Moscheen und Minarette auf der einen, Fels, Wüste und Wadis bis hinunter zum Toten Meer und Jordanien auf der anderen Seite. Wäre da nicht der orthodoxe Familienvater, der Gewehr bei Fuss seinen Kindern beim Spielen zuschaute, man wäre geneigt zu sagen: Heile Welt!

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